Munchies

Anzeige

Meine Woche mit dem Maggi Bot


Voll busy

Kreativität ist eine der wichtigsten Zutaten in der Küche. Wer die nicht hat, fragt den Maggi Chatbot, was er kochen soll.

 

 

Tag 1

Schlimm sind die Augenblicke, in denen ich mir Zeit nehmen muss, um über meine Nahrungsaufnahme nachzudenken. Wie eben in diesem Moment. Da kommt nämlich so eine Reihenfolge bei raus: Morgens ein Croissant, dann bis zum Pulled Pork und Cole Slaw am Abend nichts, nur Kaffee. Ebenfalls gerne vollzogener Rhythmus: morgens gar nichts, dafür mittags einen halben übriggebliebenen Adventskalender, später Feierabendbiere, nachts Tiefkühlpizza.

Klar: Während zum Jahresbeginn andere Menschen daran arbeiten, sich gesund zu ernähren, nachhaltig, mit mehr Freude, vielleicht sogar ambitionierten Shit wie paleo, vegan, aus sonnengeküsstem Anbau ausprobieren, fange ich ein paar Schritte weiter vorne an: mich überhaupt zu ernähren. Punkt.

Weil ich mit einem solchen Drittklässler-Problem aber niemanden behelligen will und mir außerdem Kochbücher und Rezeptplattform Kopfschmerzen bereiten, nehme ich das Allheilmittel des Schüchternen der Gegenwart wahr: das intime Gespräch mit dem Bot. Denn hier ist die Sache: Maggi hat es geschafft mich davon zu überzeugen, dass ich mir die nächsten sieben Tage nur Food-Input von deren Bot holen werde. Das funktioniert über die Facebook Messenger App, der Bot fragt einen ein bisschen aus zu Wünschen, Zeit und Budget, und am Ende bekommt man Rezept und Einkaufsliste präsentiert. Gleich mit der Möglichkeit, die Sachen zusammenzustellen und im Markt abzuholen oder sich liefern zu lassen. Okay. Aber ob der Bot weiß, wie viel Arbeit hier auf ihn zukommt?

Also: Montagabend, es geht los. Messenger App auf, Maggi Bot anquatschen, Hallo sagen. Was ich essen will, kommt es direkt zurück. Als soften Einstieg kann ich dazu Länderflaggen antippen, versuche es mal vorsichtig-neugierig mit der heimischen Deutschlandflagge. “Na klar”, kommt es vom Bot spröde zurück. Ganz schön frech, denke ich, in meiner Kartoffelexistenz ertappt. Dann halt was anderes: Nach ein paar Vorschlägen lande ich bei vegetarischer Lasagne. Ob das was für mich ist? Na klar, schreibe ich. Unterkühlt kann ich auch.

Nächster Schritt: Rezept anzeigen lassen, Zutaten einkaufen. Mit ein bisschen Tippen bin ich so weit, dass ich mir das ganze Zeug aus dem Supermarkt zu mir nach Hause oder an die Arbeit liefern lassen kann. Heute – erster Abend – bin ich froh, dass ich erstmal zuhause bin. In der Safezone. Es soll keiner mitbekommen, wie es ist, wenn man daheim verzweifelt eine Auflaufform sucht, weil man gerätemäßig nur mit dem Pizzaschneider per Du ist. Beim Suchen entdecke ich viele vergessene Gegenstände: das da hinten im Schrank ist also ein Muffinblech, daneben eine Salatschüssel… Es ist wie damals, als man mitten im Jahr in eine neue Schulklasse kam und sich denken musste: Das also sind meine neuen Freunde.

Tag 2

Ganz ehrlich: An der Arbeit werde ich schon eher als der Fast-Food-Typ wahrgenommen. Das ist ein Ruf, den ich mir durch viele McDonald’s-Runs hart erarbeitet habe. Als neulich die News kursierten, dass die Sandwich-Kette Subway wirtschaftlich ins Straucheln geraten sei, erntete ich von den Kollegen leicht vorwurfsvolle Blicke, die bedeuteten: Tu doch was. Oder: Wie konnte es so weit kommen, Alexander?

Umso grandioser, jetzt einen Charakter-Break vollziehen zu können. Denn ich packe plötzlich aus meiner Tasche eine Tupperdose aus. Ungläubige Blicke. Staunen. Lachen. Sie wussten, dass etwas faul war, weil ich im Lunch Channel bei Slack nicht vorher schon “lunch anyone?” geschrieben hatte. Jaja, schon klar, denke ich. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen, während ich mich mit Lasagne-Resten zur Mikrowelle schleiche.

Ich bin ein bisschen gespannt, was ich am Abend essen werde. Anstatt wie sonst beim Essen stumpf Instagram bis zum Ende zu scrollen, während ich löffele, quatsche ich ein bisschen mit dem Bot. Filter setzen, Vorschläge anzeigen lassen: Zubereitungszeit bis 15 Minuten, nichts übertreiben, wie wäre Minestrone mit Salsiccia? Klingt angenehm fancy, außerdem kann ich mir im Anschluss einen Coupon über 3 Euro ausdrucken. Lieferung in den Rewe bei der Arbeit, bitte. Ich sitze über meiner selbstgemachten Lasagne und kann mein neues Dasein selber nicht fassen.

Tag 3

Soll keiner sagen, dass das Leben mit Bot nicht fun wäre. Berlin, Januar, drei Grad, Nieselwetter – und der Bot schlägt mir einen “Süßen Sommersalat” als Abendessen vor. Wenn demnächst Künstliche Intelligenz und neuronale Netzwerke die Macht an sich reißen, wird das eine richtig gute Story, die ich den anderen verbliebenen Menschen am Lagerfeuer erzählen kann; da dürfen wir uns an Feuer wie an Anekdote gleichermaßen erwärmen – damals, 2018, als der Bot noch klein war.

Und das ist gar nicht das erste Mal, dass er mit Charme um die Ecke kam. Denn als ich am Morgen verkatert die Wörter Tex und Mex eingegeben hatte, bekam ich das hier als Entschuldigung: “Ich bin wohl zu jung, um zu verstehen, was du meinst.” Awww, so sweet! Egal, zurück zum Sommersalat: Der sieht topp aus, Rezept klingt machbar, und ist Jahreszeit nicht sowieso ein State of Mind? Aber, Moment, was ist hier los? Beim Bezahlvorgang merke ich, dass Honig frecher weise sieben Euro kostet. Ist das wahr? Ist so etwas bekannt? Ist das, denke ich plötzlich großelterlicher Empörungshaltung, ist das usus? Dann google ich ein bisschen und merke, dass sieben Euro ein ziemlich fairer Deal ist, mal so im großen Honig-Kosmos gesprochen.

Echt: Ich lerne so viel.

Tag 4

Ich habe mal gehört, dass bei großen Projekten nach drei Tagen so eine Art Koller kommen soll. Dass man dann den Tiefpunkt erreicht hat, dass man aufhören will, nichts als aufhören und bitteschön zurück zum Gewohnten. Dass sich alles im Wesen gegen das Neue, das anfangs noch reizvoll und spannend war, sträubt. Mit Macht. Erzählt hat mir das mal ein sehr viel disziplinierterer Mensch als ich einer bin und jemals sein werde, und geredet hat er dabei von seinen Fastenversuchen und vergangenen Marathon-Vorhaben.

Ich denke daran, weil ich darauf warte, dass mir so etwas passiert. Es sind zwar nur sieben Tage, die ich mich per Maggi-Botvorschlag ernähren will, aber schon regelmäßige Nahrungsaufnahme ist mir so fremd, dass doch bitteschön bald der große Widerwille zuschlagen muss. Wie sich der wohl äußert? Mit einem Gang spätnachts zum Späti, um heimlich an der Ecke eine Hand in die Chipstüte zu stecken? Bislang geht aber alles klar. Kein Meltdown in Sicht. Der Bot versorgt mich gut.

Denn eigentlich mag ich auch mittlerweile die Gespräche mit ihm, die ich in der Regel unprosaisch mit dem Wort “Hunger” beginne, die dann damit enden, dass ich mich auf simple Pesto Basilico freue. Ich gucke mir zwar immer mal wieder aufwändigere Rezepte wie etwa Meeresfrüchte Paella an, um mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich wirklich kochen könnte. Aber mir ist klar, dass das erstmal Traum bleiben muss, sehen meine Kochversuche doch nach wie vor nach todsicheren Uploads für someoneatethis.tumblr.com aus.

Aber hier ist eine interessante Sache: die Tatsache, dass ich zumindest drei Mal am Tag an Essen und seine Zubereitung denken muss, gibt mir eine Art Rhythmus, den ich so gar nicht kannte. Ich mag den Gang zum Supermarkt, um meine Zutaten für den Abend abzuholen. Das ist alles so zen-mäßig. Und: dabei schnappe ich mir meist ein Stück Obst, eine Banane etwa, um auf dem Weg was snacken zu können.

Ich glaube, dass meine Kollegen der Meinung sind, dass ich an einem groß angelegten Streich arbeite. Dass ich bald alles auflösen werde, und ein grinsender Typ mit Wackelkamera in der Hand von hinter der Büropalme hervortritt und sich alle in den Armen liegen. Aber gut: Das Bild von mir mit Banane in der Hand ist einfach sehr, sehr ungewohnt.

Tag 5

Okay, okay, okay. Gestern war ja alles super gut. Und heute? Anders. Sehr, sehr anders. Heute ist sie endlich da, die Schmelze. Heute geht es nicht mehr. Es ist Freitagmittag, und die Vorstellung, dass ich gleich wieder die Tupperdose aus der Tasche ziehe, macht mich restlos fertig. Die Blicke der Kollegen sind nicht mehr so spöttisch wie am Anfang, aber das Gefühl, wieder in der Küche zu sitzen und wieder die Mikrowelle bedienen zu müssen, ist dumpf, leer. Während alle anderen sich in Foodcourt-Schlangen anstellen, bei Menschen Bestellungen aufgeben, wenigstens schön doof mit Wartemarken in der Hand rumstehen. Aber ich merke, dass sich der Frust eher auf die Hülle, nicht die Speisen selber, bezieht. Echt: Tupperware. Vor ein paar Jahren war ich mal mit Freunden auf einer Tupper-Party, aus peinlich-schlimmer, unurbaner, studentischer Freude an Trash. Damals muss ich mir tatsächlich was gekauft haben, und das hat offenbar alle Umzüge seitdem mitgemacht, unbenutzt, sogar originalverpackt. Als ich den Kram neulich beim Suchen entdeckt habe, wusste ich nicht, dass diese profane Hülle mal als Blitzableiter dienen wird.

Und: Die Vorstellung, dass ich nachher alleine bei mir kochen werde – Freitag, Mann! – ist auch keine Hilfe. Meine Freunde und Kollegen kennen mich einfach zu gut; da kann ich noch so sehr mit kalter Paprikasuppe mit Melone locken und zeigen, dass die Rezepte solide sind, nicht von mir, sondern vom Bot stammen: keiner würde einer Einladung Folge leisten, die zu einem zentralen Teil daraus besteht, dass ich für andere Menschen koche. Verständlich. Trotzdem schade.

Tag 6

Hier eine grobe Einteilung meiner Küche, wie ich sie in der Prä-Bot-Zeit wahrgenommen habe: Zu 70 Prozent Kühlschrank samt Eisfach, als Vorratsort fein temperierter Getränke sowie Aufbewahrung für Tiefkühlpizza. Die wiederum ist verantwortlich, dass für mich der Backofen die restlichen 30 Prozent der Küche ausmachte. Oh Baby, was für ein sweetes, unwissendes Dasein, denke ich, während ich die Messenger-App öffne und dem Maggi-Bot Hi sage.

Denn wenn man einmal über den Tupperrand rausgeguckt hat und plötzlich jamaikanische Filetspieße eine Option sind, über die man zumindest mal länger nachgedacht hat, dann wird es schwierig von dort aus wieder zurückzufinden. Ich merke das, als ich durch meinen Kühlschrank gehe, in dem plötzlich Salatköpfe statt Sektflaschen lagern, Steaks und Rote Bete statt Sechserpack Kindl und tiefgefrorener, großblättriger Spinat statt eben TK-Margherita. Spannend. Noch spannender, was ich gleich daraus machen werde. Noch viel spannender, was binnen weniger Tage geworden ist: Ein Typ, der von der Existenz jamaikanischer Filetspieße weiß. Und der ernsthaft darüber nachdenkt, ob er nicht mal einen größeren Kühlschrank braucht.

Tag 7

Und das ist nicht alles. Die Vorstellung, jetzt am Sonntag Beeren-Pfannkuchen zu machen, ist schon toll. Wie ein echter Erwachsener, der plant, durchführt, erntet. Toll auch, dass ich die Pfannkuchen sogar in unter den vom Bot vorgegebenen 30 Minuten schaffe. Die Pfannkuchen sind für mich Kür und Belohnung für den Ausflug ins vollkommen Wesensfremde: Eine leckere Woche lang habe ich meinem bisherigen Ich völlig zuwider gelebt, und es war zumindest nicht allzu schlimm. Eher interessant. Eher fast schon so, dass ich mich dran gewöhnen könnte.

Was soll ich sagen? Kein Witz: Ich habe gestern am Nachmittag in einer Buchhandlung sogar schon mal in ein Buch mit Smoothie-Rezepten reingeguckt. Nur ganz kurz und vorsichtig, so wie man mit ein bisschen Überwindung endlich die Nebenkostenabrechnung öffnet, nachdem man einen ganzen langen Winter über mächtig durchgeheizt hat. Aber schon nicht ganz uninteressant, und wer weiß, was für ein Mensch man noch werden kann. Vielleicht sogar einer, der den Kollegen nicht mehr die alten Weihnachtskalender wegisst. Der es stattdessen sogar schafft, einen von ihnen zu überzeugen, dass er kochen kann – mit einem Assist vom Bot sogar so gut und sicher, dass eine Einladung zum Essen weder als Witz noch als Drohung wahrgenommen wird.

Lust auch öfter mal selbst zu kochen? Hier findest du noch mehr Artikel zu dem Thema.